Wassser reißt Häuser kilometerweit mit
Bizzare Luftaufnahmen von rötlichen Häuserdächern, die wie flache Lego-Plättchen auf einem See kaffeebraunem Wassers zu schwimmen scheinen,
füllen Australiens Morgenmagazine. Vereinzelt treiben Kühlschränke und Verkehrsschilder an ihnen vorbei. Ein Four-Wheel-Drive hat sich verfangen zwischen Baum-und Palmenwipfeln, deren Blätter sich wie grüne Sterne auf der Wasseroberfläche ausgebreitet haben. Kraftlos schwimmt der mächtige, weiße Wagen auf der Seite. Zwei seiner Räder, sonst verläßliche Garanten für feste Bodenhaftung, ragen nutzlos aus den Fluten und zeugen von der Gewalt des Wassers, dass sich ohne Schon und Halt seinen Weg durch Städte wie Towoomba, Gratham, Grattan und Ipswich in Queensland gebahnt hat. Ganze Häuser hat die Wasserwut kilometer weit mitgespült, ganz zu schweigen von den bisher 15 Menschenleben, die verloren sind.
"Als ich von der Flut gehört habe, dachte ich erst: Das ist wird eine interessante Erfahrung. So etwas ist mir noch nie passiert. Ein Jahrhundert-Event, eine Jahrhundert-Flut und ich bin mitten drin", meint Robert Bolhar, promovierter Geowissenschaftler aus Deutschland, der momentan für BMA (Billiton Mitsubishi Alliance), Australiens größten Kohlenminenbetreiber und Kohlenexporteur, im CBD (City Business District) Brisbane arbeitet. "Erst nach und nach habe ich realisiert, wie schlimm es wirklich sein könnte", fügt er hinzu.
Aus Sicherheitsgründen innerhalb 15 Minuten Büro verlassen
Und - wie schnell der Notstand ausgerufen werden kann. Dienstag morgen im Büro an der zentral gelegenen Eagle Street erhielten der 38-Jährige und seine Kollegen eine Email des Vorstands, mit der Mitteilung, dass am nächsten Tag das Büro geschlossen werde, da sich die Überflutung weiter Teile Queenslands auch auf Brisbane ausweiten könne. Nur wenige Stunden später gegen Mittag seien hingegen alle Mitarbeiter persönlich aufgefordert worden, das Gebäude aus Sicherheitsgründen innerhalb von 15 Minuten zu verlassen und sich direkt nach Hause zu begeben. Die gleiche Nachricht erhielten fast zeitgleich Roberts Frau Sandra, die als Rechtsanwältin für die Australian Workers Union arbeitet, und Freunde, die an Brisbanes Uni vom Head of Department aufgefordert wurden, ihre Arbeit augenblicklich niederzulegen.
"Sicherlicher hing die Entscheidung mit Brisbanes Infrastruktur zusammen. Viele Pendler benutzen Busse und Züge, die zu der Zeit glücklicherweise noch fahren konnten. Eine Kollegin von mir muss jedoch 25 km mit dem Auto fahren und dann mit einer Fähre übersetzen, bevor sie zu Hause eintrifft. Für sie war es der letzte Drücker," erzählt Robert, der über die rasche Veränderung des Brisbane Rivers staunt.
Wasserpegel steigt zusehends
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Wir haben gerade eben mit Freunden am Fluss in einem kleinen Restaurant einen Kaffee getrunken - zehn, vielleicht fünfzehn Minuten. Innerhalb dieser kurzen Zeit ist der Wasserspiegel erheblich angestiegen", sagt der Resource-Geologe, der an der Melbourne University promoviert hat. "Wir sind an Häusern und Schulen vorbei gelaufen, deren untere Stockwerke überflutet waren. Die Polizei hat Straßen abgesperrt und warnt, sich vom Wasser fernzuhalten. Trotzdem sieht man Leute, die mit Surfboard unterwegs sind, obwohl jeder wissen sollte, wie gefährlich das ist, und zahlreiche Gaffer."
"Unser Tagesablauf besteht momentan darin, Nachrichten zu hören, die Website des City Councils zu checken, um zu sehen, wo das Wasser sich bereits ausgebreitet hat, welche Straßen noch befahrbar sind. Man ist besorgt, um Freunde. Erleichtert, wenn man hört, dass sie sicher sind. Die Situation wird sich zuspitzen und anscheinend bis Mitte nächster Woche nicht verbessern. Vieles ist ungewiss. Ich checke regelmäßig meine E-Mails, weiß aber immer noch nicht, wann wir arbeiten werden. Aber momentan hat das sicherlich keine Priorität. Wichtig ist jetzt, dass Familien sicher sind und man retten kann, was zu retten ist", meint Robert.
Flut in Queensland - Sorge um Freunde und Familie
Aufforderungen der Premierministerin Anna Bligh, auf seine Nachbarn zu achten, zu schauen, wie ältere Mitmenschen zurecht kommen, sich gegenseitig zu helfen, mit anzupacken, wo immer man kann, Menschen bei sich aufzunehmen, die Hab und Gut, Haus und Hof von einer auf die andere Minute verloren haben, gingen unter die Haut, gibt der Wahl-Queensländer zu. Zugleich steige der Respekt und die Sympathie für die Politikerin unter ihren Landsleuten. Sie zeige viel Mitgefühl, man merke ihr an, wie berührt sie von der katastrophalen Situation ihres Landes sei, sehe ihr den Schlafmangel an. Doch zugleich sei sie unglaublich professionell, scheine alles unter Kontrolle zu haben und "on top of things" zu sein, Opfer, die fast jeder bringen, Schaden, den fast jeder erleiden muss, schönigt sie nicht.
Apropos Schaden: Da sie gerade darauf warten, ihre neue Wohnung zu beziehen, und einige Tage bei Freunden zu Gast sind, mussten Robert und Sandra ihre Möbel in dem Keller eines Freundes zwischenlagern, der vermutlich in den nächsten Stunden geflutet wird. "Wir haben die nagelneue Bosch-Waschmaschine auf einen Tisch gehoben, damit sie 30 Zentimeter höher steht. Das ist alles, was wir machen konnten." Ob die Ledergarnitur, Bücher, der restliche Hausstand das Unwetter überstehen, ist fraglich.
Minen geschlossen - Auswirkungen auf globalen Markt
Doch der "Resource"-Geologe, dessen Speazial- und Arbeitsgebiet Bodenschätze sind, spricht weitaus größere Auswirkungen des Disasters auf den globalen Markt an: "Viele Minen beispielsweise von Rio Tinto sind wegen Überflutung geschlossen. Das heißt Kohle kann nicht gefördert und geliefert werden. Kohle, die gelagert ist, nimmt Schaden durch Wasser, die Qualität wird beeinträchtigt", erklärt er und prognostiziert, dass Aktien fallen, kleine Minen in Schwierigkeiten geraten werden.
Derzeit sind Zehntausende von Häusern in Südost-Queensland zerstört, 125.000 vom Strom abgeschnitten. 15 Menschen, darunter mehrere Kinder, sind Opfer der Fluten, 48 Personen gelten noch als vermisst. Mittlerweile sind vier Evakuierungszentren in Brisbane geöffnet, die jeweils 6500 Menschen aufnehmen können und sich rapide füllen. Ein weiteres Problem stellt die desolate Trinkwasserversorung im vom Unwetter betroffenenen Lockyer Valley, das zwischen Toowoomba und Brisbane liegt. Momentan sind 13 Versorgungsfahrzeuge aus Brisbane und Townsville in die Region unterwegs, um die Situation zu entspannen. Die Polizei hat derzeit 200 Polizeibeamte eingesetzt, um Plünderungen zu vermeiden.
Fotos: Robert Bolhar

